Trump und die Sozialwissenschaften

Nein, hier geht es nicht um die mögliche Wissenschaftspolitik der Trump-Administration, hier geht es in erster Linie um die Frage, wie die Sozialwissenschaft mit der Trump-Administration umgeht, wie das Forschungsprogramm aussehen sollte, um das Phänomen Trump zu erklären. Es fängt damit an zu erklären, warum Trump überhaupt Präsident werden konnte. Hier haben viele Experten und Wissenschaftler ein anderes Ergebnis prognostiziert, andere wiederum haben einen Sieg Trumps als äußerst wahrscheinlich gehalten. Einer von ihnen ist der Historiker Walter Lichtman, der mit seinem Erklärungsmodell die Präsidentschaftswahlen seit 1984 richtig vorhergesagt. Dabei nutzt Lichtman keine Kristallkugel, nein, der hat sich einfach alle Präsidentschaftswahlen seit 1860 angeschaut und daraus 13 Fragen abgeleitet. Können sechs oder mehr dieser Fragen mit 'falsch' beantwortet werden, dann hat rückblickend der Kandidat der amtierenden Partei verloren. Bei der letzten Wahl war dies der Fall! Lichtmann stützt sich dabei in erster Linie auf strukturelle Faktoren: bei den Fragen geht es primär um die Stimmung im Lande, den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung, die Machtverhältnisse im Kongress und die Einschätzung zur Bilanz des amtierenden Präsidenten. Der Wahlkampf an sich spielt hier nur eine untergeordnete Rolle und kommt lediglich über das Charisma der Kandidaten ins Blickfeld. Lichtman selbst war im Wahlkampf sehr defensiv. Lediglich in stabilen politischen Zeiten können diese strukturellen Faktoren einen Wahlausgang prognostizieren, ob 2016 als solche zu beschreiben seien, ließ er offen. Aber sein Modell hat recht behalten.

Momentan wird allerdings eher die Dynamik des Wahlkampfes selber diskutiert. Die Rolle und der Einfluss der FBI-Untersuchung und natürlich der Einfluss Russlands auf die Wahl. Nach den Untersuchungen der Geheimdienste in den USA steht nun wohl fest (selbst Trump hat dies akzeptiert), das Russland systematisch in den Wahlkampf intervenierte und dabei klar gegen Hillary Clinton agierte, um ihre Präsidentschaft zu verhindern. Der Nutznießer dabei: Donald Trump! Allerdings ist nicht klar, inwieweit die Intervention Russlands wirklich das Wahlergebnis beeinflusst hat. Auch hier sind die Sozialwissenschaften gefragt: wir wissen immer noch zu wenig über die Faktoren, die für eine Wahlentscheidung maßgeblich sind, bzw. wie diese Faktoren gewichtet werden müssen. Eins dürfte aber klar sein: Russland social media und Hacking-Intervention dürfte das negative Bild Hillary Clintons innerhalb der Gesellschaft noch verstärkt haben! Ob dies wahlentscheidend war, das kann momentan noch niemand sagen.

Momentan interessiert aber die breitere Öffentlichkeit vielmehr was kommen wird! Und auch hier liegen einige Modelle der Sozialwissenschaften vor, die auf der Grundlage vergangenen Administrationen eventuell Rückschlüsse auf eine Präsidentschaft Trump zulassen. Brookings hat jüngst in einem Artikel einige dieser Modelle diskutiert. Interessanterweise ergibt sich auch hier kein klares Bild: die Meinungen reichen von: 'Es wird sich nicht viel ändern' bis zu 'Armageddon', wobei die Vertreter der zweiten Option doch noch in der Minderheit sind. Die Optimisten setzen ihr Vertrauen in die Beharrungskräfte des politischen Systems in den USA.  Trump sei nicht der erste, der das System grundsätzlich umkrempeln will, um so den Sumpf der korrupten Politik in Washington auszutrocknen. Schaut man sich sein mögliches Kabinett an, so wird der Sumpf wohl eher privatisiert. Recht und Gesetz, das föderale System und eine fehlenden öffentliche Unterstützung begrenzen die Handlungsoptionen von Donald Trump! Zudem muss sich Trump noch mkt einer zerstrittenen Republikanischen Partei herumschlagen, die eigentlich auf der Suche nach einer neuen Wählerkoalition ist. Das ist bislang keinem Präsidenten gut bekommen, die meisten blieben Präsident für vier Jahre!

Andere Sozialwissenschaftler sind dagegen weniger optimistisch. Trumps Politik können zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft führen, Ungleichheiten bei den Einkommen und beim Wohlstand nehmen weiter zu. Zugleich versucht die Trump-Administration zur Stabilisierung der eigenen Machtposition die Medien stärker zu kontrollieren. Es bilden sich autoritäre Tendenzen heraus und soziale Proteste nehmen zu. Die 'Armageddon'-Fraktion geht noch einen Schritt weiter. Das Tandem Trump und die Republikanische Partei versucht sich an Verfassungsänderungen, um so die demokratische Grundstruktur zu demontieren. Die Republikanische Partei kontrolliert momentan beide Kammern des Kongresses und auch beide Kammern der Legislative in 33 Bundesstaaten. Zudem kontrollieren sie 25 Gouverneursposten!  Zu Verfassungsänderungen benötigt man Zwei-Drittel der Bundesstaaten,  das ist in Reichweite der Republikaner. Wahlrechte, Bürgerrechte, Abtreibung, die Trennung von Staat und Kirche und vieles mehr  könnte dann auf dem Prüfstand stehen. Trump könnte sich zu einem Diktator entwickeln.

Bleibt noch die globale Perspektive auf das Trump-Phänomen. 'Trumpism' ist nicht nur auf die USA beschränkt. Europäische Länder müssen sich mit vergleichbaren Phänomenen auseinandersetzen. LePen in Frankreich, der Brexit, die AfD in Deutschland, aber auch links-populistische Bewegungen in Griechenland und Spanien mobilisieren das Protestpotential und die Globalisierungsängste innerhalb der westlichen Gesellschaften und schüren Fremdenhass und stellen die Fundamente der institutionellen Demokratie in Frage. Es liegt an den Sozialwissenschaften diese Prozesse genau zu analysieren und dabei das eigene methodische und theoretische  Instrumentarium einer kritischen Reflexion zu unterziehen. Viele etablierte Erklärungsmodelle funktionieren in der post-modernen und post-faktischen Zeit nicht mehr. Trumps Präsidentschaft ist hier ein Quasi-Experiment, um diese Prozess zu analysieren! Die Zeit drängt!   

  

 

 

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